Wertschöpfende
Nebenprodukte

Ein Drittel der globalen Agrarproduktion geht heute entlang der Nahrungskette verloren oder wird verschwendet, zudem werden viele na­türliche Rohstoffe in der Lebensmittelproduk­tion nicht konsequent genutzt. Diana hat viel ­Erfahrung damit, diese wertvollen Bestandteile zu ebenso werthaltigen Produkten zu machen. Im Interview erklären Diana Nova Scientific & Innovation Director Denis Guyonnet und Diana Food Environmental Project Manager Thierry Lenice, welche möglichen Innovationen in den Nebenprodukten stecken – und wie so Geschäftsmöglichkeiten für alle Symrise Unternehmensbereiche generiert werden können.

Rund 22.000 Tonnen Bananenschalen bleiben pro Jahr bei der Produktion von Bananenpürees, -flocken und -pulver übrig.

Herr Guyonnet, welchen Wert haben Rest- und Nebenprodukte aus der Lebensmittelproduktion?

Denis Guyonnet: Die 1,3 Mrd. Tonnen Lebensmittel, die nicht vom Menschen verzehrt werden, stellen eine reichhaltige Quelle für Nahrungsprodukte dar. Diese Nebenströme haben immer noch viele Nährstoffe wie Proteine, Antioxidantien, Mineralien, Ballaststoffe oder andere Mikronährstoffe, die aus ernährungs­wissenschaftlicher Sicht wertvoll sind. So bleiben beispielsweise bei der Herstellung unserer Bananenpürees, -flocken und -pulver, die unter anderem in der Babynahrung eingesetzt werden, rund 22.000 Tonnen Bananenschalen pro Jahr übrig, die noch viele Ballaststoffe und gesundheitsfördernde Substanzen enthalten. Wenn wir diese und viele andere natürliche Inhaltsstoffe gewinnen und verwerten, wird sich das positiv auf die Umwelt auswirken. Wir tragen so dazu bei, die natürlichen Ressourcen zu erhalten und schaffen gleichzeitig neue Märkte und damit auch wirtschaft­liche Vorteile für unser Unternehmen.

Was heißt das für die Arbeit von Diana Food?

Thierry Lenice: Die meisten Nebenprodukte aus der Lebensmittelherstellung werden heute kompostiert, zur Energieerzeugung oder als Tierfutter verwendet. Wir versuchen nun, die wertvollen Komponenten zu identifizieren, überlegen, wie wir sie schon während des Herstellungsprozesses extrahieren und stabilisieren können, und wir sie in Produkte für Menschen, Haustiere oder Aquakulturen verwandeln können. Bei der Obst- und Gemüseproduktion zum Beispiel geht ein Drittel der Ernte verloren, weil diese nicht den ästhetischen Standards des Einzelhandels entspricht, der strenge Form-, Gewichts- und Größenspezifikationen ansetzt. Diese Rohstoffe können wir ebenso wie Materialreste wie Haut, Schalen, Samen oder Fruchtfleisch für neue Produkte einsetzen.

Wie können diese Ideen auf die industrielle Nutzung übertragen werden?

Guyonnet: Wir müssen die am besten geeigneten industriellen Prozesse für die Rohstoffe finden, weil jeder seine eigenen Besonderheiten und industriellen Beschränkungen hat. Deswegen ist die Zusammenarbeit mit einer Vielzahl von Partnern wie Wissenschaftlern, Technologie-Start-ups, Lebensmittelunternehmen und unseren internen Experten entscheidend.

Wie identifizieren Sie diese Methoden?

Guyonnet: Wir müssen über den Tellerrand hinausschauen, um neue Verwertungswege zu finden. Die offene Innovationsstrategie ermöglicht es uns, disruptive Ansätze mit verschiedenen ­externen Partnern auszuprobieren. Im Juni 2018 organisierten wir mit dem Start-up-Unternehmen SoScience, das unter anderem auch als Experte für verantwortungsvolle Innovation für die Europäische Kommission arbeitet, einen Open Innovation Day unter dem Motto „The Future of Waste“, an dem 53 Experten aus 47 Organisationen und zehn Ländern teilnahmen. Bei der Konferenz ging es um die Herausforderungen, neue Geschäftsmöglichkeiten durch die industrielle Verwertung von Obst- und Gemüseresten zu diskutieren. Im Anschluss wurden gemeinsam mit Diana Food zwei konkrete Projekte zu Frucht-Seitenströmen initiiert.

Arbeiten Sie auch direkt mit Universitäten zusammen?

Guyonnet: Ja, zum Beispiel bei einem fünfjährigen Forschungsprogramm, das Diana im April 2018 mit Professor Yves Desjardins und anderen Forschern der Laval University in Québec ins Leben gerufen hat. In diesem Projekt werden die Auswirkungen von Frucht- und Gemüsepolyphenolen auf die menschliche Darmmikrobiota untersucht, da einige Polyphenole, insbesondere die mit polymerisierter Struktur, als präbiotisch angesehen werden können – sie regen also die „guten“ Darmbakterien an. Das Programm untersucht drei wichtige Diana Food Seitenströme (Bananenschalen, Erdbeersamen und Zwiebelschalen). Eine der wichtigsten Herausforderungen wird es sein, den Prozess zu finden, um diese Verbindungen richtig zu extrahieren, ihre biologischen Auswirkungen zu untersuchen und ein Endprodukt zu entwickeln.

Wie groß ist das Potenzial bei Diana Food?

Lenice: Unsere Werke verarbeiten mehr als 80 Rohstoffe. Im ­Idealfall können wir die bei der Herstellung anfallenden Neben­produkte so nutzen, dass wir schließlich ein hundertprozentiges Upcycling erreichen. Unser erstes Ziel in diesem Prozess ist es, die wertvollen Inhaltsstoffe in Lebensmitteln weiterhin für die menschliche Ernährung einzusetzen. Dazu gehören natürlich auch Stoffe, die den Geschmack oder die Textur positiv beein­flussen können.

Guyonnet: Es gibt ein unglaubliches Potenzial, weil die Symrise Geschäftsbereiche so viele unterschiedliche Rohstoffe verwenden. Die Materialien werden wir nach den Produkten für die menschliche Ernährung, für Tiernahrung, Aquakultur oder für kosmetische Inhaltsstoffe verwenden. Es ist auch wahr­scheinlich, dass ein Seitenstrom für verschiedene Anwendungen aufgewertet werden kann, da wir selten das gesamte Material für nur einen einzelnen Zweck nutzen.