Lieblingsduft

In der Provence in Frankreich arbeitet Symrise mit dem Forschungsinstitut CRIEPPAM und ansässigen Landwirten zusammen, um den nachhaltigen Anbau von Lavendel auszuweiten. Die Kooperation sichert die Biodiversität in der Region und gleichzeitig den Nachschub für die Parfümerie-Anwendungen. Und als ganz besonderes Ergebnis des Projekts ist eine einzigartige neue Sorte der Pflanze entstanden: Ein weißer Lavendel.

»Die ersten Parfüms, die ich als Kind bewusst gerochen habe, hatten Lavendel als eine der Topnoten. Daran habe ich mich immer wieder gerne erinnert.«

Aliénor Massenet,
Senior-Parfümeurin bei Symrise

Wenn die Sonne Mitte Juli richtig steht, am frühen Abend oder auch morgens gegen acht Uhr, dann erstrahlen die Felder in der Provence in sämtlichen Blau-Violett-Tönen. Zwischen den grauen Straßen, dem hellbraunen Erdboden, den grünen Wiesen und den hellrot gedeckten Häusern stehen kurz vor der Erntezeit der ­Lavendel und der Lavandin in voller Pracht. Die Lippenblütler, die die Region prägen wie keine andere Pflanze, werden hier von mehr als 2.000 kleinen bis mittelgroßen Betrieben seit Hunderten von Jahren angebaut und in ganz Frankreich und weit darüber­hinaus geliebt: als frische und getrocknete Sträuße, eingenäht in kleine Säckchen, um den typischen Geruch zu verbreiten, als ­Gewürz im Essen oder als Geschmacksnuance im traditionellen Honig.

Der größte Teil der Ernte aber geht in die Duftstoffindustrie: das populäre Lavandin als natürliche Ingredienz in Seifen und Waschmittelduftstoffen – und das elegante Lavendel-Öl als wichtiger Bestandteil in die feinsten Parfüms. Wegen des Lavendels ist heute auch Aliénor Massenet von Paris nach Ferrassières gereist, ein 110-Einwohner Dörfchen, 80 Kilometer östlich von Avignon. Fast direkt hinter dem Ortsausgangsschild hat die Senior-Parfümeurin angehalten, die seit 25 Jahren die feinsten Düfte kreiert. Die Französin will sich etwas anschauen – und dafür muss sie erst einmal ein paar Minuten über den trockenen steinigen Boden laufen, vorbei an der violetten Pracht. „Die ersten Parfüms, die ich als Kind bewusst gerochen habe, hatten Lavendel als eine der Topnoten“, erzählt sie, während sie mit den Händen immer wieder an den Blüten entlangstreift und den Geruch der Pflanzen einfängt. „Daran habe ich mich immer wieder gerne erinnert.“

Mehr Vielfalt durch weißen Lavendel

Der Duft begleitet Aliénor Massenet heute auch bei ihrer Arbeit. „Lavendel gibt fruchtige und blumige, aber auch aromatische würzige und krautige Noten.“ Für sie ist der Besuch in der Provence ein echtes Erlebnis. Sie kennt die Landschaft zwar, war aber noch nie so nah dran. „Ich möchte sehen, wie die Landwirte die Pflanze anbauen, wie sie sie pflegen und ernten, um das Produkt noch besser zu verstehen, das ich für meine Kompositionen verarbeite.“ Heute aber geht es nicht um die blau-violette Variante. Aliénor Massenet bleibt stehen. Sie blickt auf ein Feld, auf dem etwas ganz Besonderes wächst: Weißer Lavendel, der als Rohstoff in der Parfümwelt einzigartig ist.

„Lavande Angèle“, so heißt die neue Sorte. Sie ist eines der Er­gebnisse eines breit angelegten Projektes, das Symrise in der ­Provence im Jahr 2012 ins Leben gerufen hat und seitdem unterstützt. Den Anschub dazu gab ein Besuch der Nachwuchskräfte der Symrise Parfümerie-Schule, die sich die Pflanzen der Region anschauen und vor allem erriechen wollten. Gemeinsam besuchten die Jungparfümeure auch das unabhängige Forschungsinstitut Centre Régionalisé Interprofessionel d’Expérimentation en Plantes à Parfum Aromatiques et Médicinales (CRIEPPAM), das in Manosque liegt, ungefähr eine Stunde von Ferrassières entfernt. „Als wir die Gewächshäuser besichtigten, in denen rund 150 Lavendel-­Sorten angebaut und analysiert werden, entdeckten wir eine Pflanze mit weißen Blüten“, erinnert sich Béatrice Favre-Bulle, Senior Vice President Perfumery Excellence & Sustainability, die heute ebenfalls in der Provence auf dem Feld steht, um die Ergebnisse zu sehen. „Ich fand das sehr ungewöhnlich und interessant und fragte nach, ob CRIEPPAM diese Pflanze für uns destillieren könnte.“ Mit einer neuen Sorte ließen sich, so die Idee, vielleicht neue Duftprofile und mehr Vielfalt im Angebot der Kompositionen erzeugen. „Diese erste Destillation war so vielversprechend, dass wir uns gemeinsam dazu entschlossen haben, das Experiment fortzuführen“, sagt Béatrice Favre-Bulle. Das Unternehmen produzierte kleine Muster in den Laboren in Holzminden, die zu einem beeindruckenden Ergebnis führten. „Wir haben ausschließlich für unsere Symrise Parfümeure eine neue Sorte mit einem einzigartigen olfaktorischen Profil entwickelt. Nun können sie mit diesem neuen natürlichen Duftstoff einmalige und exklusive Kreationen für unsere Kunden entwickeln.“

Erhöhte Widerstandsfähigkeit der Pflanzen

Verantwortlich für das Projekt auf Seiten von CRIEPPAM ist Bert Candaele. Der Chef des Forschungsinstituts hat mit seinen Mit­arbeitern im Auftrag von Symrise den weißen Lavendel gezüchtet und dabei geholfen, einen Landwirt für den Anbau zu finden: Rudy Usseglio, der auch Vorsitzender des Forschungsinstituts ist, stellte dafür rund 8.000 m2 seiner 350 Hektar zur Ver­fügung.

Auf dem Feld schauen sich die beiden heute gemeinsam mit ­Béatrice Favre-Bulle und Aliénor Massenet die Pflanzen an, fachsimpeln über die Erde und die Möglichkeiten, den Anbau zu verbessern. Und sie gehen mit ihrer Arbeit weit über die Entdeckung neuer Sorten hinaus. „Wir probieren in unseren Laboren und auf unseren Versuchsfeldern zum Beispiel verschiedene ­Ansätze aus, um die Pflanzen widerstandsfähiger gegen das Bakterium Stolbur-­Phytoplasma zu machen. Es wird durch winzige ­Zikaden übertragen und hat die Ernte in der Region in den vergangenen Jahren einbrechen lassen“, sagt Bert Candaele. „Au­ßerdem wollen wir das Wachstum der Pflanzen und auch die Qua­lität des Öls verbessern, das die Destillationsbetriebe für Kunden wie Symrise daraus produzieren.“ Die schnurgeraden Pflanzreihen müssen zum Beispiel mit agrarökologischen Methoden möglichst frei von Unkraut gehalten werden, weil dieses nach der Ernte mit in die Destillation gelangen und so das Profil des Lavendel-Öls verändern kann. Gegen die Erosion pflanzen die Wissenschaftler verschiedene andere Pflanzenarten zwischen die Reihen, die den wertvollen Boden an Ort und Stelle halten. „Sie helfen auch ­gegen die Zikaden, die das Bakterium zu den Pflanzen bringen. Der Einsatz von Pestiziden ist wegen der Bienen, die den Lavendel bestäuben, nicht möglich“, erklärt Bert Candaele. Dafür legt CRIEPPAM Dutzende von Testreihen an, um die besten Möglichkeiten für den Anbau zu finden und bringt die Erkenntnisse etwa auf dem Feld von Rudy Usseglio in die Anwendung. „Ich finde das sehr spannend, weil ich so neue Methoden ausprobieren kann, die ich vielleicht auch für andere Lavendel-Sorten anwenden könnte“, sagt der Landwirt, der wie viele größere Betriebe auch eine eigene Destillation betreibt. „Außerdem lerne ich sehr viel über die Bedürfnisse der Kunden. Das kann ich wiederum in meiner Arbeit berücksichtigen.“

»Wir haben ausschließlich für unsere Symrise Parfümeure eine neue Sorte mit einem einzigartigen olfaktorischen Profil entwickelt. Nun können sie mit diesem neuen natürlichen Duftstoff einmalige und exklusive Kreationen für unsere Kunden entwickeln.«

Béatrice Favre-Bulle,
Senior Vice President Perfumery Excellence & Sustainability

Mit Dutzenden von Testreihen überprüft das Forschungsinstitut CRIEPPAM unterschiedliche Techniken, Lavendel und andere Pflanzen anzubauen. Der Leiter Bert Candaele und sein Team erarbeiten für die Landwirte in der Provence auf diese Weise wissenschaftliche Ansätze für mehr Nachhaltigkeit.

Qualität und Biodiversität steigern

Ein weiterer Punkt, der immer wichtiger wird, ist der Schutz der Biodiversität – und dabei vor allem der Bienen. Hunderttausende der Insekten fliegen auf einem Hektar von Blüte zu Blüte, wie es auf den Feldern um Ferrassières überall zu beobachten ist. Während der automatisierten Ernte werden bisher zu viele von ihnen durch die Maschinen getötet. Das lässt die Population auf Dauer schrumpfen – erst recht, weil die Bienen durch den Verlust der Artenvielfalt in den vergangenen Jahren ohnehin stark gefährdet sind. Eine Lösung ist eine Erntemaschine, die CRIEPPAM entwickelt hat. Eine speziell geformte Röhre vor dem Schnittwerkzeug sorgt dafür, dass die Anzahl der Bienen, die während der Ernte sterben, um 50 % reduziert wird. Für die Branche ist das ein Riesenschritt, dem weitere folgen sollen. Gleichzeitig schneidet der Espieur, so der Name der Maschine, nur das obere Drittel der Pflanzen – also die Blüten ohne Stängel – ab. Dadurch muss we­niger Material zu den Destillationen transportiert werden, die Dieselkosten für den Transport sinken. „Weil weniger Rohstoff ver­arbeitet werden muss, benötigen die Destillen zudem knapp ein Drittel weniger Dampf für den Destillationsprozess und damit auch weniger Energie für dessen Erzeugung. Nicht zuletzt steigt die Qualität des Öls, weil die wichtigsten Bestandteile eben vor ­allem in den Blüten sitzen“, sagt Bert Candaele, der die Betreiber der Anlagen auch bei den Prozessen berät. Ergebnisse dieser Zusammenarbeit sind zum Beispiel auch eine verbesserte Energierückgewinnung durch den Einsatz von Wärmetauschern oder geschlossene Kühlkreisläufe, durch die die Hälfte des Wassers eingespart wird.

Für Béatrice Favre-Bulle ist ein weiterer Baustein die CENSO-­Initiative, die im Auftrag der französischen Regierung ein Zertifikat für den nachhaltigen Anbau von Lavandin vergibt. Die Parfüm-­Expertin von Symrise ist mit verantwortlich dafür, dass das Unternehmen seit Jahren als einer der ersten Duftstoffhersteller CENSO-­zertifizierte Rohstoffe verwendet und seit deren Einführung die Produkte auch in Espieur-Qualität bezieht. „Wie bei vielen anderen Naturstoffen auch wird der Anbau des Lavendels in der Breite und für die langfristige Zukunft nur funktionieren, wenn er immer nachhaltiger wird“, sagt Béatrice Favre-Bulle, während sie an ei­nigen der weißen Blüten riecht. „Wir tragen unseren Teil dazu bei, dass wir diesen traditionellen Rohstoff auch auf Dauer nutzen können.“

50 %
Prozent des weltweiten geernteten Lavendels kommt
aus der Provence, beim Lavandin sind es sogar 90 Prozent.

»Wir probieren in
unseren Laboren und
auf unseren Versuchsfeldern
zum Beispiel verschiedene
­Ansätze aus, um die Pflanzen
widerstands­fähiger
gegen das Bakterium
Stolbur-Phytoplasma
zu machen«

Bert Candaele,
Chef des Forschungsinstituts CRIEPPAM
Mehr als
2000
Landwirte bauen in der Provence Lavendel und Lavandin an.
30 %

Prozent weniger Dampf werden bei der Destillation eingesetzt,
weil die weiterentwickelte Erntemaschine
Espieur nur die Blüten des Lavendels abschneidet und
so weniger Material verarbeitet werden muss.